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Songpoesie, die begeistert

SAX-Gespräch mit Adrian Artmann zu seinem Debütalbum »Durchzug« vor dem Konzert am 13. Februar im Fortschritt

Rein gar nichts, was es zu bekritteln gäbe an Adrian Artmanns Debütalbum. »Durchzug« ist Songpoesie, die begeistert, weil herzergreifend und rundum glaubwürdig vom ersten bis zum letzten Ton. Mancher freilich wird sich fragen, wo der gebürtige Dresdner bloß gesteckt hat, seine vorläufige Erwerbsbiografie ist einigermaßen beachtlich. Am 13. Februar gibt es das Record-Release-Konzert mit Band im Gartenlokal Fortschritt. Vorher sprach Bernd Gürtler für die SAX mit dem Musiker, Sänger und Songschreiber.


SAX: Du bist seit Ewigkeiten Gitarrist bei Ansa Sauermann und parallel Mitglied diverser Bandprojekte wie Triple Trouble. Warum das Debütalbum erst jetzt?
Adrian Artmann: Ich bin Vater geworden und wollte, bevor sich vielleicht der Verdacht bestätigt, dass ich es dann schlechter schaffe, einige der Songs aufnehmen, die nach und nach zusammengekommen und mir am wenigsten peinlich sind. Ich wusste, es gibt eine Deadline, nämlich den errechneten Geburtstermin. Bis dahin wollte ich unbedingt fertig sein, das war meiner Partnerin versprochen. Manchmal arbeitet es sich mit einer Deadline im Nacken besser, jeder kennt das wahrscheinlich von seiner Steuererklärung oder so.


SAX: Gut, dass du drangeblieben bist. Deine Songs müssen dir in keinster Weise peinlich sein, im Gegenteil!
Adrian Artmann: Danke, in meinen kühnsten Träumen hatte ich auf positive Resonanz gehofft. Aber was weiß man schon. Nicht von ungefähr bin ich fünfzehn Jahre anderen zur Hand gegangen, während eigene Songs liegen geblieben sind. Mir mangelte es an Selbstbewusstsein, zu überwältigend die Furcht, dass meine Songs schlecht sind. Mir ist eine tiefe Verunsicherung eingepflanzt, dieses Hochstaplersyndrom, dass jederzeit jemand zur Tür reinkommen und sagen könnte: Schluss jetzt hier. Runter von der Bühne, ein Missverständnis liegt vor, pack deine Sachen und verpiss dich. Ich vermute, andere kennen das auch, das Empfinden, dass alles bloß ein schlechter Scherz ist, dass man sich nie sicher sein kann, ob der Boden unter den Füßen trägt. Was ist das überhaupt für eine Anmaßung, achtzehn Musiker ins Studio zu bestellen, sie für'n Appel und'n Ei irgendwelche Songs einspielen zu lassen und sich dann hinzustellen und zu sagen, das ist das Beste, was ich jemals gemacht habe, hört euch das an! Der blanke Wahnsinn. Vermutlich brauchte mein Debütalbum auch deshalb so lange, weil ich mir nie sicher war.


SAX: Die poetische Kraft deiner Songtexte ist bemerkenswert. Nur um ein Beispiel zu nennen, siehe »Nicht mehr kalt«, wo es um Einsamkeit im Alter geht, um Demenz, um eine Frau, die sich aufopferungsvoll um ihre Kinder kümmert und am Ende alleingelassen wird. Wirklich berührend!
Adrian Artmann: Die ursprüngliche Idee zu dem Song war sogar eine eher alberne. Ich wollte das »Mama« aus Queens »Bohemian Rhapsody« aussprechen, in die Irre führen und dann in eine ganz andere Richtung davongaloppieren. Bei Liveauftritten passiert es manchmal, dass ein »Uhuhuhu« irgendwo aus dem Publikum kommt. »Nicht mehr kalt« kam wer weiß woher zu mir. Ich bin mit Ansa Sauermann wegen seines vorletzten Albums »Trümmerlotte« im Studio gewesen, hatte mir einen Kaffee gebrüht und wollte zurück ins Studio, als mir dieser Text einfiel. Wie im Rausch! Ich dachte, das zeige ich Ansa, bin rüber ins Studio und meinte, ich hab einen Song geschrieben! Ich spielte den Song vor und ging davon aus, Ansa würde das singen. Aber er und sein Produzent sind völlig erschüttert gewesen. Sie meinten, das kannst nur du selbst singen.


SAX: »Spargelsaison« führt auch erst in die Irre und entpuppt sich dann als Referenz an Dresden. Die Verbundenheit mit deiner Geburtsstadt ist spürbar, die sächsische Elbmetropole bekommt aber auch ihr Fett weg. Zu Recht natürlich!
Adrian Artmann: Dresden ist die schönste Stadt, die ich kenne, und ich kenne Wien. Ich liebe und hasse Dresden zugleich. Viele meiner Bekannten empfinden diese Zerrissenheit, wenn sie an Dresden denken. Erich Kästner ging es vor einhundert Jahren ähnlich. Wenn er im »Fabian« seine Mutter besucht, beschreibt er auch, wie eng ihm die Brust wird, sobald er in die Stadt kommt. Das Piefige hat hier Tradition. »Spargelsaison« entstand in der Nacht nach den letzten sächsischen Landtagswahlen. Ich war sehr, sehr zornig, obwohl das Wahlergebnis überhaupt keine Überraschung war. Es geht in meinen Songs auch immer ein bisschen um mich selbst und meine Widersprüche, in diesem Song in der Hauptsache aber um jene, die nach dem Propheten rufen, einem Führer, der ihnen die Absolution erteilt, grausam sein zu dürfen, ohne sich ob der eigenen Grausamkeit schlecht fühlen zu müssen. Du darfst nach unten treten und deine Verantwortung nach oben abgeben an ein übergeordnetes Wesen, eine übergeordnete Philosophie. Egal, ob das Religion ist, Donald Trump oder die AfD. Bei uns in Dresden bedient ganz klar die AfD dieses Bedürfnis.


SAX: Stichwort Wien. »Durchzug« enthält einen Song unter dem Titel »Wien, wart auf mich«, der verblüffend funky wirkt. Ganz anders als der folk­rockhafte Rest des Albums.
Adrian Artmann: Das ist witzigerweise in Spanien geschrieben, beim Wandern. Keine Ahnung warum. In Österreich rollt es den Leuten vermutlich die Fußnägel hoch, weil ich schamlos Falco imitiere. Aber das musste funky klingen, ich wollte wenigstens einen schnellen Song auf dem Album haben, in der Hoffnung, es wird ein Hit. Ich hätte nichts dagegen, würde »Wien, wart auf mich« häufiger im Radio laufen. Dann könnte ich vielleicht meine Mitstreiter auf dem Album doch noch anständig bezahlen.


SAX: »Wien, wart auf mich« erwähnt manische Despoten. Wen meinst du? 
Adrian Artmann: Nach meiner Erfahrung bringt Wien gern einen bestimmten Menschenschlag hervor, was vielleicht daran liegt, dass es in der Vergangenheit die Hauptstadt eines Riesenreiches gewesen ist. Dass diese Stadt ähnlich Dresden am Kater einer ehemaligen Residenzstadt leidet und die Wiener Seele chronisch narzisstisch gekränkt ist. Wien ist völlig überdimensioniert für dieses kleine Land, von dem die meisten auf der Welt nicht sicher sind, ob es da Kängurus gibt. Wien bringt große Egos hervor, Leute wie Strache, Kurz oder wie sie heißen.


SAX: Du scheinst der österreichischen Kapitale ähnlich eng verbunden wie Dresden.
Adrian Artmann: Das liegt bei uns in der Familie. Meine Oma gab 1959 in der Zeitschrift »DDR Revue« eine Annonce auf, dass sie eine Brieffreundin im nichtsozialistischen Ausland sucht. Die Zeitschrift wurde von einer Familie Dittelbach in Wien gelesen, deren Teenagertochter Erna meldete sich bei meiner Oma. Eine Brieffreundschaft entstand, die über die Jahre hielt. Meine Oma ist leider früh verstorben, ich kannte sie gar nicht. Als die Mauer fiel, übernahm ihre Brieffreundin die Mutterrolle für meinen Vater, sie ist seine Wahlmutter und meine Wahloma. Sobald es irgendwie ging, sind wir nach Wien gereist. Mein Vater und ich sind 2004 nach Wien gezogen, Ansa Sauermann lebt auch in Wien.


SAX: Autobiografische Züge schwingen bei sämtlichen Songs von »Durchzug« mit, ganz unverkennbar aber bei »Beatles, Papa«, gewidmet deinem Vater, der dir einen unfassbaren Kosmos an Musik eröffnen konnte. 
Adrian Artmann: Vor der Wende war es so, dass einer im Bekanntenkreis »The Last Waltz« besaß und alle anderen konnten es sich auf Kassette überspielen. Als ich in den Neunzigern anfing, bewusst Musik zu hören, hat mein Vater ordentlich nachgelegt, Beatles, Rolling Stones, Joan Baez, Udo Lindenberg, was du dir vorstellen kannst. Zu meinem dreizehnten Geburtstag bekam ich Ton Steine Scherbens »Macht kaputt was euch kaputt macht« geschenkt. 


SAX: Dein Vater hat Saxofon in einer Band gespielt, wie es im Song heißt? 
Adrian Artmann: Korrekt, bei Mockrotz. Ein ziemlicher Lärm, aber als Kind fand ich das toll.


SAX: Herzallerliebst auch der Hinweis auf ein Familienfoto, das deine Eltern zeigt, wie sie selbst fast noch Kinder gewesen sind, als sie Eltern wurden. Und die Klamotten, die sie trugen, selbst genäht. An der Stelle weht ein Hauch subkultureller DDR durch dein Album.
Adrian Artmann: »Beatles, Papa« ist ein sehr ostdeutsches Lied, denke ich. Dieses Selbermachen, selber Nähen. Meine Elterngeneration, die sind früh Eltern geworden. Meine Mutter hat viel selbst genäht, mein Papa auch, aus dem, was da war. Patchwork ist ein Ergebnis des Mangels, nicht der Freude an bunten Mustern. 


SAX: So ergreifend wie »Beatles, Papa« ist, als es im Kasten war, hat bestimmt jeder im Studio geheult und bei »Für drei« ganz zum Schluss gleich nochmal.
Adrian Artmann: Ich selbst brauchte mehrere Anläufe, um »Beatles, Papa« einzusingen. Und »Für drei«, das gehört an den Schluss, um den Reigen zu beschließen. Ursprünglich wollte ich »Beatles, Papa« nahtlos in »Für drei« übergehen lassen, um kundzutun, dass ich jetzt selbst Papa werde. Es ist kein fröhlicher Song, eher der Song eines Kulturpessimisten für andere Kulturpessimisten, die trotz ihres Pessimismus Kinder in die Welt setzen. 


SAX: Dein bürgerlicher Name ist Adrian Röbisch. Warum das Künstlerpseudonym? Warum Artmann? 
Adrian Artmann: Ich wollte das Projekt von meiner sonstigen musikalischen Tätigkeit abgrenzen. Artmann ist der Name meiner von mir sehr geliebten Stiefmutter. Sie ist auch Österreicherin und teilt sich ihren Familiennamen mit dem österreichischen Anarchopoeten HC Artmann.
Interview: Bernd Gürtler


Adrian Artmann »Durchzug« Record-Release-Konzert und Party am 13. Februar, 20 Uhr, Gartenlokal Fortschritt
Karten bei SaxTicket und saxticket.de (auch mit Selbstabholung) sowie mit print@home
www.adrianartmann.com


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