
Die Bürgerbühne des Staatsschauspiels ist zweifelsohne eine unbedingt lobenswerte Einrichtung. Seit 17 Jahren bereits bringt sie die unterschiedlichsten Menschen, Ansätze, Ideen und Erfahrungen zusammen. Und zeitigt im Ergebnis immer mal wieder Inszenierungen, die sich sehen lassen können. So waren wir erst im Januar restlos begeistert von »Kritischer Zustand«, einem Stück, in dem Angehörige der medizinischen Berufe derart ihren Alltag darstellten, dass man der Inszenierung nur viele, viele Zuschauerinnen und Zuschauer wünschte – und noch immer wünscht!
Jenes offene Konzept, es kann allerdings auch nach hinten losgehen. Wie es leider aktuell bei »Feierabend Forever« festgestellt werden musste. Ein Stück, das sehr wenig durchdacht erscheint.
Christiane Lehmann, die Regisseurin und Leiterin der Bürgerbühne, hat selbst den Hut auf. Im Programmblatt wird betont, dass sie ost-sozialisiert ist, denn laut eben diesem Faltblatt spielt die Herkunft hier eine besondere Rolle. Lehmann »geht der Frage nach, welche politische Bedeutung das Feiern insbesondere in Ostdeutschland hatte und welche Parallelen sich zur heutigen Feierkultur finden lassen.« Inspiriert war dieses Bürgerbühnenthema von einer 2023 an den Städtischen Museen Jena gestarteten grandiosen Foto-Wanderausstellung „Der große Schwof – Feste feiern im Osten“. Sie traf sehr genau die Mischung aus DDR-Melancholie und fantasievoller, freizügiger bis exzessiver Festgestaltung, in den Kollektiven, Nischen, Kulturgruppen oder Hochschulen selbst und oft in semiprofessioneller Qualität ohne bemühte Agenturen geleistet.
Solche kreative gemeinschaftliche lockere Feierkultur über alle Generationen wäre wohl kaum zustande gekommen, träfe die Behauptung zu: »So war das Feiern in der DDR einer der wenigen genuin privaten Räume, die (scheinbar) frei waren von staatlicher Überwachung.« Ob das nun gleichzusetzen ist mit irgendeiner Form von Widerstand gegen das System – fraglich. Noch gewagter erscheint die Weiterführung dieser These: »Heute schaffen Dresdner*innen allen Alters mit selbst organisierten Raves, Konzerten und Clubs unabhängige Räume, die frei sind von Gewinnmaximierung, sozialem Leistungsdruck und gesellschaftlicher Konkurrenz.« Schön wär’s, würde ich sagen. Oder ist das das »Märchenhafte«, und ich habe etwas falsch verstanden?
Und wie sieht die Umsetzung dieser Idee aus? Die von Tom Unthan gestaltete Bühne zeigt sich, vor dem Stück dunkel daliegend, als eine Landschaft mit einer Insel, einem lamettabehangenen Baum rechts und einer Art Glitzerpalme links, Riesenpilzen sowie einem verschnörkelten Portal. Das macht neugierig. Wir hören Meditationsmusik. Wird diese Kapitalismuskritik esoterisch?
Eine Erzählstimme aus dem Off informiert über die Situation. »Es war einmal – aber das haben wir zu oft gehört« geht es los, um dann einzuführen: Wir befinden uns im Reich des Königs »Fritze«, der – darum geht es in der Folge durchgehend – von seinen Untertanen immer nur noch mehr Arbeit und Einsatz fordert. Selbst seine Feste sind durchorganisiert, wirkliches Feiern nicht möglich. Aber genau danach gibt es die große Sehnsucht – und das Ziel dieser Sehnsucht heißt »Fantasia«. Um an diesen Traumort zu kommen, müssen acht »Prinzies« zusammenkommen und im »Geschmeidewald« allerlei Prüfungen bestehen. Und so lernen wir nach wie vor jene acht Prinzies kennen, die von hinten aus dem Zuschauerraum auf die Bühne kommen: Da ist zuerst Prinzie Octavia, die Hofmusikerin des Königs, es folgen Prinzie Libidus von Latexlust, der Weinhändler des Königs, Prinzie Rato, der Affenpfleger, Prinzie Skeptina, die Sozialarbeiterin, Prinzie Analogica, die sich um das Altenheim kümmert, Prinzie Passio, der PR-Manager, Prinzie Alpha, eine attraktive »Königin der Nacht«, sowie Prinzie Gondolfi, der jahrelang als Finanzberater für den Hof gearbeitet hat und nun in Rente ist. Er ist zum ersten Mal dabei, alle anderen kennen sich gegenseitig und das Prozedere bereits.
Zunächst kann man sich an den witzigen Kostümen, für die es teilweise schon Mut zur Hässlichkeit braucht (ebenfalls erdacht und realisiert von Tom Unthan), erfreuen. Weniger leider bereits in diesem frühen Stadium am Agieren der Darsteller.
Die Bürgerbühne ist ein Laienensemble, natürlich. Und man ist in Dresden einfach verwöhnt durch die vielen sehr, sehr guten Laientruppen. Die acht Menschen, die hier jene Prinzies verkörpern, gehören leider nicht dazu. Dabei stimmen Mimik und Gestik oft, vor allem Thomas Thieler als Prinzie Passio fällt positiv auf durch schön passende, witzige Bewegungsabläufe: wenn es um das Sprechen geht, hapert es aber bei allen. Da gibt es sogar regelrechte Fehler und Aussetzer. Alles entschuldbar bei einer Laienformation, aber dennoch …
Schwerer wiegen die logischen Lücken in der Geschichte. Dass bis auf Prinzie Gondolfi alle um die Gefahr der Riesenpilze (Drogen, natürlich) wissen und sich drei ihnen trotzdem hingeben – okay. Warum aber nicht einfach alle auf dem »Flüsterhügel« liegen bleiben, der ihnen doch anscheinend gut tut - ? Was soll die Aussage von Prinzie Rato, er liebe die anderen dafür, dass sie so ehrlich miteinander seien? Obwohl die Gruppe an keiner Stelle wirklich, richtig kommunziert? Sich ständig nur gegenseitig darin bestärken, wie schlimm die Welt ist, ist keine Ehrlichkeit, sondern bequem und feige.
Wer ehrlich ist müsste darauf hinweisen – ohne hier auf die so genannte Gen Z einschlagen zu wollen, dass es noch nie einfach war, einen Job zu finden, der einen ausfüllt. Dass es immer schon Leistungsdruck gab, und dass man sich vielleicht auch einmal irgendwo durchbeißen muss. Früher nannte man das: das Leben. Die Probleme, die in der Form wiederholt angesprochen werden, erscheinen also eher wenig nachvollziehbar. Schön und absolut plausibel hingegen die Klarstellung von Lean Ammar Fahd als Prinzie Alpha, dass sie es leid sei, sich im Reich des Königs Fritze wieder und wieder anzustrengen, wenn der wie viele andere auch, sie zurückschicken will in das Land, aus dem sie mit gutem Grund geflohen ist.
Offen bleibt die Frage, ob Prinzie Gondolfie nun (auch) queer sein soll, oder Technomusik-Liebhaber – also: Auf was sich seine Aussage zum Schluss, er habe das erste Mal »die Kraft und den Mut« gehabt, sich »zu outen« bezieht. Und natürlich: Was für eine Art Happy End es sein soll, wenn die acht beschließen, für immer in Fantasia zu bleiben. Na ja: Feierabend Forever lautet ja der Titel. Ist dieses Ende also ironisch gemeint?
Das Premierenpublikum war sehr begeistert von der Aufführung und spendete schier tobenden Applaus.
Beate Baum
Feierabend Forever Bürger:Bühne im Kleinen Haus. Regie und Text: Christiane Lehmann. Weitere Aufführungen: 11. Mai (ausverkauft), 19. Mai (ausverkauft), 1. Juni, 9. Juni 2026, jeweils 20 Uhr.
www.staatsschauspiel-dresden.de