
Florian Künstler gehört zu den wenigen Menschen in der Pop-Welt, die wahrlich spät berufen sind. Erste Single, erste EP mit Mitte 30. Erstes Album mit 38. Dafür dann aber auch drei Alben in drei Jahren. Durch die Decke ging es spätestens mit „Kleiner Finger Schwur“. Am 11. Juli 2026 kommt Florian Künstler mit neuen Songs und bekannten Hits auf das wunderschöne Areal Konzertplatz Weißer Hirsch. Vorab gab es ein SAX-Gespräch. Zum Zeitpunkt des Interviews Mitte Mai waren nur einige Songs des neuen Albums »Alles nur geliehen« zu hören, darunter auch die gleichnamige Single. Das komplette Album erschien am 5. Juni 2026.
SAX: Wenn man »Alles nur geliehen« hört, kommt man nicht umhin, einen Wandel festzustellen. Oder täuscht das? Das hat meines Erachtens nach schon mit dem letzten Album „Du bist nicht allein“ angefangen, aber ich finde, diesmal geht es doch irgendwie noch mehr nach innen, gibt es mehr Selbstreflektion. So um die 40 ist man zwar alt genug, um zurückzuschauen, aber natürlich noch viel zu jung, um Lebensbilanz zu ziehen. Ist das so ein Zwischenzustand, in dem du dich gerade befindest? Findet da eine Art spätes Erwachsenwerden statt?
Florian Künstler: Das ist gerade irgendwie so, hast du sehr gut erkannt. Es kommen auch noch wichtige Themen in den Songs, die noch nicht draußen sind. Ich glaube, Reflektion ist ein gutes Thema. Jetzt, da ich merke, dass ich jetzt wirklich 40 bin, denkt man an Dinge wie: Was ist eigentlich, wenn meine Eltern älter werden? Es gibt den Song „Das alles ist passiert“, der meiner Oma gewidmet ist, die mich quasi nur in Chaoszeiten erlebt hat. Jetzt hoffe ich, dass sie weiß, dass ich es doch noch von der Straße geschafft habe. Oder das Thema Panik. Auch wenn jemand gerade jetzt an einem finsteren Punkt ist, dem sage ich: Da war ich auch schon, mit diesen dunklen Gedanken, mit diesen Paniknächten. Aber es ist ein Teil von Reflexion und auch von Erkenntnis, dass man sich klarmacht, sich nie zerstören zu lassen, immer mit Hoffnung zu leben. Das ist ein ganz wichtiger Part.
SAX: Bei manchen der neuen Songs möchte man dir eigentlich raten, höre doch mal „Verzeih dir selbst“ vom letzten Album an.
Florian Künstler: Man hat das Gefühl, dass „Verzeih dir selbst“ schon irgendwie ein Vorbote für „Alles nur Geliehen“ war.
SAX: Und fällt es dir heute leichter, die selbst zu verzeihen?
Florian Künstler: Ja und nein. Aber ich würde schon sagen, etwas leichter. Man erlebt manchmal eher so eine Art Gelassenheit, bekommt so eine Art anderen Blick auf Dinge. „Verzeih dir selbst“ war irgendwie noch mal so ein Anfang, der sich jetzt weiter fortzieht.
SAX: Interessant ist auch “Wehe, du gibst auf“. Der Song wirkt für mich wie eine Fortsetzung, ein Volume 2 von „Stille Kämpfer“.
Florian Künstler: Das ist im Grundsatz eine Ansage an mich selbst, ein Spiegelbild-Song. Aber er wurde natürlich auch zu einem Song für andere Leute. Ich weiß, dass Menschen den Song genommen haben und an jemandem geschickt haben, dem sie damit sagen wollen: „Ich brauche dich, ich kenne deine Situation auch, aber wehe, du gibst hier auf." Ich bekam ganz viele Nachrichten, von Leuten, die gesagt haben: "Ich habe diesen Song gebraucht und jetzt weitergemacht." Das ist das schönste Kompliment, das überhaupt geht. Es gibt ja viele Lieder, die sagen: Hey, steh auf und lass das Böse hinter dir und so weiter und so fort. Aber dieses Lied sagt auch, dass es schwierig ist, dass es nicht einfach ist. Und das ist der Unterschied zu vielen anderen Songs, die vielleicht vom Thema her ähnlich sind. Denn ich finde, der Kampf, der darf nicht unterschätzt werden. Jeder Schritt wird wehtun. Aber wenn man durchkommt, dann wächst man daran. Es lohnt sich, nicht aufzugeben. Ich war selbst an diesem Punkt, an dem ich dachte, ich werde nie wieder froh. Ich kenne diesen Punkt.
SAX: „Fremd auf der Party“ erzählt eine deprimierende Situation, die, glaube ich, jeder schon erlebt hat: Man fühlt sich allein inmitten vieler Menschen. Gehst du mit solchen Momenten heute gelassener um, etwa, indem du einfach gehst?
Florian Künstler: Ja, genau so ist es. Ich bin ja auch manchmal auf Musikpartys. Da denkst du: Digger, ich kenne ja keinen. Ich könnte auch zu Hause einen geilen Film gucken oder Nudeln kochen. Also gehe ich nach Hause und mache das. Früher dachte ich, ich muss jetzt hier sein. Aber ich muss gar nichts mehr. Und das ist die geilste Erkenntnis überhaupt: Ich kann sagen, fickt euch, ich gehe jetzt. Aber manchmal ist es schön, wenn du im Raum jemanden hast, den du anguckst und denkst: Ach, du fühlst gar das Gleiche. Und du siehst in den Augen von dem anderen, dass du sagst: Okay, let's go. Und man ist auf einmal der glücklichste Mensch der Welt.
SAX: Dein Weg in der Musik war lang und wechselhaft, um es mal grob zu umschreiben. Gestartet und entdeckt als Duo, dann Musik als Nebenjob, Musik als Hauptjob, Straßenmusik, Auftritte in ganz feinen, aber sehr kleinen Formaten. Dann kam die EP, die erste in der Corona-Zeit oder kurz davor. Das erste Album erst 2023, aber mit „Kleiner Finger Schwur“ gab es dann doch einen richtigen Hit. Fühlt sich dieser indirekte Weg mit diesen vielen Verschachtelungen zum Erfolg auch im Nachhinein als der richtige an, der bessere vielleicht?
Florian Künstler: Ja, viel besser. Ich glaube ohne diese Erfahrungen wären diese Songs gar nicht entstanden. Klar, wenn meine Familienwege gerade gewesen wären, wäre es wahrscheinlich seelisch besser gewesen. Aber seelisch besser heißt nicht, dass bessere Songs entstehen. Wenn das der Preis ist, ist es okay. Ich habe auch schon früh sehr viel gespielt. Es gab kein Social Media, also bin ich bin einfach dreimal die Woche zu irgendwelchen Songclubs gefahren – durch ganz Deutschland. Ich habe nicht geschlafen, bin trotzdem morgens um 6 Uhr zur Arbeit gegangen. Ich bin für ein doder zwei Songs manchmal 1 oder 1.000 Kilometer gefahren, um zu zeigen, dass es mich gibt. Ich habe noch Fans von früher, die sagen, sie haben ich vor Jahren vor 200 Leuten, oder vor 100 oder 50 erlebt, und sie kommen immer noch. Obwohl: Das Wort Fan finde ich etwas problrmatisch.
SAX: Ich hatte mal ein Gespräch mit Torsten Sträter, der mir gesagt hat, er sei froh, dass er so spät bekannt geworden ist, weil er als junger Mann mit so einer Art von Bekanntheitsgrad überhaupt nicht klargekommen wäre. Geht dir das ähnlich?
Florian Künstler: Ja, ich glaube, ich wäre früher gar nicht reif gewesen, ich hätte es gar nicht verstanden, wäre vielleicht auch mal kaputt gegangen. Ich glaube, dass der Weg manchmal so lang dauert, dass du auch manchmal denkst, geht das überhaupt, schaffe ich das, ist ein wichtiger Teil des Ganzen. Wenn man es geschenkt bekommt, verliert es schnell an Wert.
SAX: Dass Du die ziemlich harte Kindheit und Jugend hattest, ist kein Geheimnis. Du hast auch schon oft darüber gesprochen, ebenso über die seelischen Folgen. Denkst du, dass es einen Punkt geben kann, an dem man aus dieser Auseinandersetzung mit sich selbst und den Umständen wirklich gesundet, und es letztendlich im besten Sinne, nicht dass man es vergisst oder verdrängt, sondern dass man es im besten Sinne hinter sich lassen kann?
Florian Künstler: Ja, ein Teil davon ist schon erreicht, und ich hoffe, dass der Punkt irgendwann kommt, dass alles gesundet. Ich wurde schon als Baby aus meinen Wurzeln gerissen, und diesen Wurzelrausreißschmerz werde ich immer spüren. Wenn ich mit hoffentlich erst 85 oder 90 im Bett liege und merke, dass es langsam Richtung Ende geht, wenn dann mein letztes Gefühl ist, dass ich spüre, wie die Wurzel doch verheilt, dann freue ich mich. Aber ich glaube, bis dahin ist es noch ein langer Weg.
SAX: Als Solokünstler, der mit seiner Person und seinem Namen vorn an der Rampe steht, ist man ja mit dem Schaffen und Werden seiner Songs erstmal alleine. Welche Rolle spielen dann die Band, mit der man unterwegs ist, mit der man auch aufnimmt, und die Produzenten im Studio? Wie ist das Zusammenspiel? Was kommt da noch dazu, wenn der Song erstmal da, aber noch nicht fertig ist?
Florian Künstler: Ich glaube, viele tiefe Gespräche. Wenn ich den Song zu meinem Produzenten trage oder zu einer Mitkünstlerin, reden wir ganz viel drüber; das ist eigentlich eine Therapiestunde. Dann machen wir den Song fertig, und es ist auf einmal etwas da, das es vorher noch nicht gab. Man hat ja was erschaffen, in dieser Welt, das dann einfach dableibt. Das ist richtig schön. Allein der Prozess ist toll. Und die Band ist ja nicht nur eine Band, sondern es sind einfach Freundschaften entstanden, die einfach da sind, weil sie es wirklich fühlen, und nicht, weil sie jetzt einen Job machen müssen. Das ist schon wichtig, dass man solche Leute um sich hat. Klar, das ist das alles auch ein Business, das darf man nicht vergessen. Aber ich weiß, dass sie das gern machen, dass sie nicht zur Arbeit fahren, sondern dass sie das fühlen.
SAX: Du hast immer wieder Featurings bei deinen Songs dabei. Oftmals sind diese bei vielen Artists Teil eines Marketing-Plans. Wie läuft bei dir die Auswahl?
Florian Künstler: Gar nicht mit dem Marketing. Wenn ich selbst etwas feiere, dann frage ich, ob wir was machen wollen, manchmal entsteht es auch einfach in den Sessions. Ich mag Kollabos.
SAX: Im vergangenen Jahr gab es noch eine andere Form von Zusammenarbeit. Du warst beteiligt an dem Rilke-Projekt von Schönherz und Fleer, das sein 25-jähriges Bestehen gefeiert hat. Dafür hast Du den Titelsong „So viel Himmel“ gesungen. Wie kam es dazu?
Florian Künstler: Rilke ist ein ganz besonderer Dichter gewesen. Und die starken Vertonungen des Rilke-Projekts habe ich schon früher – so ab 2006 – gehört. Ich mag einfach die Stimmen. Da waren Ben Becker oder Peter Maffay und weitere große Namen dabei. Eines Tages wurde ich angefragt – ich dachte nur: What the fuck, ich darf ein Teil davon sein darf. Ich habe dann „So viel Himmel“ eingesungen und war auf der Tour mit auf der Bühne vor einem ganz anderen Publikum – älter, zugewandter und zuhörender, hier es ging ums Wort, und das war schön.
SAX: Du lebst ja in Lübeck, während das Musikgeschäft in den großen Städten wie Berlin, Hamburg und München stattfindet. Was macht den Reiz der Marzipanstadt gegenüber einer größeren City aus?
Florian Künstler: Das Business kann gern in den großen Städten bleiben. Ein Text oder ein Song kommt ja auch nicht aus Berlin oder Hamburg. Ich will mich im Alltag mit normalen Leuten unterhalten und nicht die ganze Zeit über die Musikbranche reden, in der immer alle cool sind und sich ständig verwirklichen müssen. Songs kommen eher aus „normalen“ Gesprächen, in denen wirkliche Probleme und wichtige Dinge diskutiert werden. Wenn ich bei meinem Produzenten in Berlin bin oder in einem Studio in St. Peter-Ording, dann ist das für mich stets ein kurzes Eintauchen in die Musikwirtschaft. Dann bin ich wieder zu Hause. Da ist auch Musik, aber ohne das ganze Drumherum. Da ist meine Couch und draußen kreischen die Möwen. Hier bin ich am richtigen Ort.
SAX: Du bist ziemlich aktiv auf Social Media, bei TikTok, Instagram, roundabout eine Viertelmillion Follower. Social Media ist nun aber gleichzeitig geniale Erfindung also auch Teufelszeug, je nachdem, wer gerade an der Taste sitzt. Wie schaust Du auf die Debatte um Einschränkungen für Kinder bis zu einem bestimmten Alter?
Florian Künstler: Ich finde das total toll. Ich weiß nicht, ob ich das sagen sollte, weil es ja wahrscheinlich zum Nachteil von mir ist, aber ich finde es eigentlich gut. Ich hoffe, dass es durchgeht. Das klingt vielleicht etwas Boomer-mäßig, wenn ich das sage, aber ich bin natürlich noch in einer Generation aufgewachsen, die draußen gespielt und gechillt hat und im Jugendzentrum war. Das hat mich mehr geprägt, als das Handy jetzt.
Interview: Uwe Stuhrberg
Florian Künstler 11. Juli 2026, 19 Uhr, Konzertplatz Weißer Hirsch
Tickets: www.saxticket.de
www.florian-kuenstler.de