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Eine Frau tanzt ihren Weg

Der Tanzabend „Ich, Eurydike“ an der Staatsoperette Dresden

Mit vollem Besteck eröffnete die Staatsoperette ihren diesjährige Premierenreigen. Angekündigt als Abend des so vielseitigen hauseigenen Balletts, kamen für „Ich, Eurydike“ auch Orchester, Chor und eine Gesangssolistin zum Einsatz. Vorab könnte man vermuten, dass Titel und Thema des Abends eine marketinggeschuldete Mogelpackung sind. Der bekannte antike Mythos von Orpheus, der die verstorbene Gattin dank seiner musikalischen Gabe aus der Unterwelt holen will und auf dem Rückweg für immer verliert, ist anfangs nur Anlass für ein kurzes, ballettlastiges Trennungsintermezzo (als Orpheus Eliton Da Silva de Barros). Die Inszenierung richtet im Weiteren jedoch den Fokus auf die persönliche Entfaltung von Euridyke als Frau, deren Schicksal in den literarischen Vorlagen von Virgil oder Ovid kaum beleuchtet wird und in dieser Inszenierung wohl für jeden weiblichen Emanzipationsprozess stehen kann.


Der neue Chefdirigent Michael Ellis Ingram, der auch die stilistisch weit ausholende Komposition verantwortet, hält die musikalischen Elemente über einen Bildschirm zusammen. Das Orchester ist unsichtbar hinter der Bühne platziert, dazu kommen noch elektronische Einspielungen des Berliner DJs Paul Keilhau, die mit Geräuschen und Clubmusic-Beats aufwarten. Die 18-köpfige Ballettcompany kann sich im großen, auf den sonstigen Orchestergraben erweiterten Bühnenraum sichtlich engagiert entfalten und wurde dafür zurecht mit Standing Ovations gefeiert. Der musikalische Sound motiviert und untermalt die plastischen Gruppenformationen, die mit großen Gesten, synchronen Showelementen, wie auch statuarischen Haltungen taktgenau auf die Musik reagieren. Das lässt die Choreografie etwas mechanisch wirken (Konzept und Choreografie: Gabriel Pitoni).


Das Bühnenbild ist schnell wandelbar und nutzt großflächige Plastikfolien, um Räume oder Lichtkulisse zu ermöglichen. Im Hintergrund wird eine Mauer mit grafischen Linien wie ein Tempelrelikt auf- und abgebaut und pulsierend senkt sich ein riesiges Quallengebilde (Bühne: Sebastian Pitoni). Eine moderne Vorstellung der Unterwelt oder Abbild des instabilen menschlichen Innenlebens? Die Solistin Elisabeth Iwasko als Eurydike gestaltet in dieser kahlen Welt ihren Selbstfindungsprozess mit tänzerischer Kraft und Eleganz, wirkt dabei in ihrem fast klassisch anmutenden Kostüm filigran und nimmt das Publikum auch mimisch mit auf ihre Heldinnenreise. Sie ist suchend, fliehend, begehrend, fast pausenlos aktiv mit Solosequenzen, Interaktionen mit Männern aus der Gruppe oder in dieser aufgehend. Thematisch kommen die ineinanderfließenden Szenen nicht über Allgemeinplätze hinweg, lassen dadurch aber viel Raum für eigene Deutungen und Emotionen. Für mich tänzerisch besonders berührend ist die Spiegelung durch ihren Schatten (Melania Mazzaferro.)


Im zweiten Teil kommt mit der Musical-Sängerin Sybille Lamrich als Eurydikes Stimme und der großen Chorszene eine dramatische Steigerung, die in einem gemeinsamen Tableau endet und choreografisch im Schattenspiel einmal mehr Erinnerungen an den Ausdruckstanz weckt. Danach haben es die Tänzerinnen allein schwer, die Spannung weiter zu tragen. Große, ausladende Bewegungen in schwingenden Unisex-Röcken (Kostüme: Lena Scheerer) heben Eurydike über Körperwellen letztendlich empor. Fazit: Mit diesem Tanzabend vermischt ein junges Inszenierungsteam Mythos, moderne Musik, aktuelle Themen und die Ausstrahlung des zeitgenössischen Tanzes und hinterlässt der Staatsoperette eine eigene künstlerische Handschrift, die die Dresdner Tanzgemeinde anziehen wird.
Isolde Matkey


Ich, Eurydike Tanzabend Ballett der Staatsoperette Dresden. Komposition und Musikalische Leitung: Michael Ellis Ingram, Choreografie: Gabriel Pitoni. Staatsoperette Dresden.
Nächste Vorstellungen: 1., 17., 18., 31. Oktober,1., 10., 11. November 2026
www.staatsoperette.de


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